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Henry und die Radioallergie

6. März 2017 | decay

Das Leben im Büro ist oft kein einfaches. Es ist manchmal ein Schwanken zwischen dem Flur einer offenen Psychiatriestation und der wahrgewordenen Zombieapokalypse (mit Kaffee statt Menschenfleisch) während das kollegiale Klima dem meteorologischen Pendant von Mordor ähnelt. Ich habe vor kurzem aus krankheitsbedingten Gründen die Zeit gefunden alle Stromberg Folgen und auch noch den Kinofilm oben drauf zu sehen und neben dem durchaus vorhandenen unterhaltungstechnischen Aspekt, entwickelte sich zusätzlich nacktes Entsetzen darüber, wie viele der klischeehaft überzogenen Szenen mir doch irgendwie bekannt vorkamen.

Angesichts der Tatsache, dass über seinen Arbeitgeber und Kollegen zu bloggen sicherlich ähnlich clever ist, wie ein AFD-Wählerstand am Kotti, werde ich versuchen einerseits alles soweit es mir möglich ist zu anonymisieren, ohne anderseits die Kernaussagen zu ändern oder zu verfälschen.

Bei uns gibt es eine Person, die Radiomusik gelinde gesagt zum Kotzen findet. Das Thema ist bestimmt so alt wie das Radio selbst und die Fronten sind verhärtet, wie das einsame vergessene Brötchen im Brotkasten. Klar kann man darüber diskutieren ob Radios überhaupt etwas im Büro zu suchen haben – das wird hier aber nicht stattfinden, da ich der Meinung bin, dass ein Radio oder besser Musik einen positiven Einfluss auf die Menschen hat, der etwaige mitschwingende Nachteile problemlos ausgleicht. Es kann jeder sehen wie er will, aber wie jemand mit dieser Abneigung seine Kollegen terrorisiert, ohne dabei sonderlich kompromissbereit zu sein, sprengt den Rahmen vernünftiger Diskussion. Betreffende Person ich nenne sie hier Henry, hat einen Arbeitsplatz gemeinsam mit ein paar Kollegen in einem Raum, dort steht ein Radio, das aber sofern Henry vor Ort ist, nicht laufen darf. Das sich hier alle Kollegen in dem Raum, den Bedürfnissen einer einzelnen Person unterordnen ist ein toller Zug, den man wertschätzen sollte. Nun kommt es aber dazu, dass Henry gezwungenermaßen auch in anderen Räumen seiner Arbeit nachgeht, in denen weitere Kollegen ihren Arbeitsplatz haben und ebenfalls ein Radio vor sich hin dudelt. Nun verlangt Henry auch von diesen Kollegen, dass sie ihr Radio ausschalten und lieber Kopfhörer nutzen sollten. An dieser Stelle ist für mich die kollegiale Kompromissfindung völlig außer Kraft und das Verständnis für diese Problematik am Ende. Darauf angesprochen, wird sinngemäß von Henry erklärt, dass ein Filter in seinem Gehirn fehlt und deshalb alle Geräusche wahrgenommen werden.

Warum zahlreiche ratternde, klackernde, zischende und rauschende Geräusche, die für uns zum Alltag gehören dagegen überhaupt kein Problem darstellen, bleibt nach wie vor ein Rätsel. Genauso verhält es sich mit Henrys Handy, dass selbstverständlich mit absolut nerv tötenden Klingeltönen der „Crazy Frog“ Liga, die ganze Nummer auf die Spitze treibt.
Und ja, es wurde in Gesprächen/Diskussionen/Streitereien bereits thematisiert.

Es wäre auch überhaupt kein großes Thema, wenn diese Radioallergie die einzige Auffälligkeit wäre, die Henry an den Tag legt. Es ist aber vielmehr so, dass Henry ein buntes Potpourri an seltsamen Verhaltensweisen an den Tag legt und die Sache mit dem Radio, dem Fingernägel schneiden am Arbeitsplatz direkt neben Kollegen und der übertrieben häufige und laute Gebrauch von Interjektionen noch die harmlosesten darstellen. Es ist höchst wahrscheinlich, dass Henry eine sehr dominante Stellung in dieser Serie einnehmen wird.